Der Graf von Unheilig: AIDS Prävention auf den Lifestyle zu übertragen finde ich toll!
Der „geheimnisvolle“ Graf von Unheilig – wie er häufig in der Presse tituliert wird – hat uns die Ehre erwiesen… Er bezeichnet sich selbst als sehr gläubigen Menschen, der jeden Tag betet. Aber er ist nicht bereit sich einer Religion zu unterwerfen – daher der Name Unheilig.
In unserem Gespräch bin ich einem Menschen begegnet, der gar nicht geheimnisvoll oder abgehoben wirkt. Im Gegenteil: man glaubt ihm was er sagt. Er klingt ehrlich und authentisch, spricht aus was er denkt – und kann sogar über Gefühle sprechen.
2010 ist musikalisch sein Jahr. Mit seinem Album „Große Freiheit“ landete er im Februar dieses Jahres auf Platz 1 der deutschen Charts und am 01. Oktober gewann er den Bundesvision Song Contest.
Oberflächlich betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass Du erst in diesem Jahr Deinen musikalischen Durchbruch erlebt hast und nach zehn Jahren endlich Top-Platzierungen in den Charts erreicht hast. Dabei hast Du schon lange eine eingeschworene Fangemeinde. Wie hast Du die letzten zehn Jahre Deiner musikalischen Tätigkeit empfunden und wie fühlt es sich jetzt an, wo das öffentliche Interesse an Deiner Person um ein vielfaches gestiegen ist?
Ich bin sehr glücklich über den Erfolg und es fühlt sich fantastisch an. Ich habe jedoch in den letzten zehn Jahren immer Spaß an der Musik gehabt, denn ein Leben ohne die Musik kann ich mir gar nicht vorstellen. Natürlich habe ich immer gehofft, mal in den Top Ten der Charts zu landen, aber von so einem Erfolg wie wir ihn heute genießen, habe ich nicht mal zu träumen gewagt. Der Durchbruch 2010 beweist aber auch, dass es sich lohnt immer an sich zu glauben, sein Ziel vor Augen zu haben und dass sich Arbeit und Fleiß lohnen, denn das gehört natürlich auch dazu. Das ist eigentlich das Schönste, zu erkennen, dass es sich gelohnt hat, wofür man sich jahrelang eingesetzt hat.
Auf Deiner Website schreibst Du, dass sich aufgrund Deiner Erkrankung das Ende Deiner Karriere abgezeichnet hatte. Wann war das und woran warst Du erkrankt?
Das war 2008. Während der Puppenspieler Tour habe ich mich schon sehr angeschlagen gefühlt, habe es aber immer verdrängt und einfach weiter gemacht. Nach einem Konzert kam dann der Zusammenbruch. Der Arzt hat dann Knoten auf den Stimmbändern diagnostiziert und es war nicht sicher, ob ich jemals wieder würde singen können. Der Arzt hat mir zwei Wochen Schweigen verordnet. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens: die Ungewissheit und die Frage, wie mein Leben weiter verlaufen sollte, wenn ich nicht mehr Singen durfte haben mich gequält. Als erstes habe ich natürlich sofort mit dem Rauchen aufgehört. Glücklicherweise habe ich mich erholt, aber dieser Rückschlag hat mich schon verändert. Ich weiß meine Gesundheit heute besser zu schätzen, achte mehr auf mich, habe nicht wieder angefangen zu rauchen, achte auf mein Gewicht und trinke keinen Alkohol.
Es wird gemunkelt, dass Du Mitte 30 bist. Dafür hast du schon sehr Bewegendes erlebt. Du musstest die eigene Krankheit und den Tod deines besten Freundes verkraften. Was hat dir dabei mehr geholfen, deine Musik oder dein Glaube?
Das ist eine gute Frage. Es hat beides eine so große Relevanz in meinem Leben, dass ich es nicht spontan entscheiden könnte. Der Glaube ist in meinem Leben permanent präsent. Wenn ich mir vorstellen müsste, dass ich die Menschen, die ich verloren habe nie mehr wieder sehen würde, könnte ich damit nicht klar kommen. Es ist sicher auch eine Form von Trost zu wissen, dass man sich irgendwann mal wieder trifft. Wenn ich keinen Glauben hätte, würde das Leben keinen Sinn machen. Ich würde mir die Frage stellen, wofür sind wir dann überhaupt hier? Alles andere würde mir unlogisch erscheinen. Und ohne Musik würde ich auch nicht klar kommen, denn sie ist meine Medizin, eine Form mir die Seele zu streicheln.
Du hast „Die Grafschaft“ gegründet mit dem Ziel ehrenamtlich für einen guten Zweck zu helfen. Kannst Du uns Näheres dazu erzählen?
Ich bekomme sehr viele e-mails von Leuten, die meine Musik auch auf ihr Leben projizieren. Darunter sind auch viele traurige Geschichten und Schicksalsschläge, ähnlich der Erfahrung, die ich durch Tod meines besten Freundes durchlebt habe. Wenn du diese Briefe liest, hast du das Gefühl, du musst diesen Menschen helfen, aber natürlich kann man das nicht bei jedem einzelnen tun. Aus diesem Grund haben wir die Grafschaft gegründet und organisieren Konzerte und Events für einen guten Zweck. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man so etwas macht. Es gibt so viele die dabei helfen und die Dankbarkeit der Menschen ist toll. Man glaubt wieder an das Gute im Menschen und merkt, dass unsere Welt gar nicht so schlecht ist, wie sie manchmal dargestellt wird.
LOVE ROCKS ist eine AIDS Awareness Kampagne, mit dem Ziel Safer Sex als selbstverständlichen Lifestyle zu positionieren. Inwieweit fühlst du dich persönlich durch unsere Kampagne angesprochen?
AIDS interessiert uns alle. Wenn man in einer langjährigen Beziehung ist, in der man sich treu ist, fühlt man sich weniger angesprochen, Aber es geht ja auch um Freunde, die keine feste Beziehung haben und es müsste ja auch bei allen angekommen sein, dass es nicht nur Homosexuelle betrifft. Es ist auch eine Generationssache. Wahrscheinlich gibt es unter den 30 oder 40-jährigen immer noch einige, die denken, sie könnten sich nicht anstecken.
Die Generation, die jetzt jung ist, hat häufig auch früher Sex, braucht also auch früher Aufklärung. Zu Hause wird es oft verschwiegen und ich bin mir nicht sicher, ob die Schulen diese Aufklärung in ausreichendem Maß leisten. Ich finde Eure positive Art der Aufklärung super. So wie man sein Handy, Schlüssel und Geld einsteckt, so sollte das Kondom eigentlich dazu gehören. Das Thema AIDS Prävention als coolen Lifestyle zu positionieren ist meiner Meinung nach der richtige Weg.
Wann hast du zum ersten Mal etwas über AIDS erfahren?
Ich bin ein Kind der achtziger Jahre. Da kamen auch die ersten Berichte in den Zeitungen. Mit Freddie Mercurys Tod war dann klar, dass es sich um eine ernste Sache handelt. Dann folgte der Tod von Rock Hudson. Diese Gesichter aus der Öffentlichkeit haben sicherlich viele Menschen wachgerüttelt. Ich finde aktuell wird viel zu wenig darüber gesprochen. Man hat das Gefühl es sei kein aktuelles Thema mehr. Vor kurzem war die Hexenjagd auf Nadja Benaissa in aller Munde, aber ich denke nicht, dass dies zu einer positiven Aufklärung beigetragen hat.
Du bist auf zahlreichen Festivals aufgetreten, hast viele Konzerte gegeben? Wie „erotisch“ hast du die Atmosphäre empfunden? Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Stimmung die Menschen zum Sex animiert?
Ich denke diese Stimmung hängt nicht von der Atmosphäre der Konzerte ab. Es gibt Menschen, die lernen sich in der Disco, auf einem Konzert oder auf einer Party kennen und gehen am gleichen Abend zusammen nach Hause und es gibt solche, die es nicht tun, weil sie sich erst einmal in Ruhe kennen lernen wollen. Auf einem mehrtägigen Festival ist das schon etwas anderes, wenn man zwei Tage und zwei Nächte zusammen hängt, rückt man schon eher mal näher.
Du schreibst auf deiner Website, dass du ein „Künstler zum Anfassen“ bist. Kommt es vor, dass du durch die Nähe zu den Fans, „zweideutige“ Angebote bekommst?
Nein, gar nicht. Die wollen mich einfach nur mal drücken. Bei großen Konzerten mit ca. 6.000 Zuschauern, kannst Du vielleicht mal 80 Personen ein Autogramm geben oder mit 20 Personen ein Foto machen. Bei den Radiokonzerten ist das schon etwas anderes, da kann man seine Fans mal richtig drücken. Ich bin so geerdet, dass ich ein zweideutiges Angebot wahrscheinlich nicht mal merken würde.
Glaubst Du, dass unsere Gesellschaft das Thema AIDS Prävention ernst genug nimmt, bzw. verinnerlicht hat, dass man sich schützen muss?
Ich weiß nicht, ob es genug ist, aber so lange es noch Menschen gibt, die sich anstecken ist es nicht genug. Bei mir ist es ganz klar angekommen. Es geht nicht nur um Aufklärung, sondern um die Frage, ob die Aufklärung bei den Menschen auch ankommt. Wenn ein HIV Infizierter bei Kampagnen mitarbeitet, um durch seine Erfahrung beizutragen, dass die Botschaft besser ankommt finde ich das gut. Wenn jedoch ein HIV Infizierter vor die Kamera tritt, um Aufklärung zu betreiben, halte ich es nicht für den richtigen Weg. Denn genau davor haben die Menschen Angst und verschließen sich. Ich glaube es gibt aber auch aufklärungsresistente Menschen, die sich tatsächlich einbilden, sie würden dem Partner ansehen, ob er HIV positiv ist.
Wie gefällt dir die LOVE ROCKS Kampagne?
Ich finde es toll, wenn man versucht das Thema auf den Lifestyle zu übertragen und es über diese Schiene in die Köpfe zu bekommen. Auch finde ich es wichtig, Künstler und Schauspieler mit ins Boot zu holen, so wie wir das jetzt machen. Alle Achtung, ich finde es super, Hut ab!!
Deine Botschaft an die LOVE ROCKS Community :
„Feiert Euch, aber feiert Euch sicher!!“









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